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Geschichte der Burg Spielberg

Die Burg Spielberg bildet seit mehr als sieben Jahrhunderten eine markante Dominante der Stadt Brünn. In der Vergangenheit vermittelte sie ihr Schutz und ein Gefühl der Sicherheit. Es gab jedoch auch Zeiten, in denen die Spielberger Festung bei den Brünnern Gefühle der Bedrohung und Angst hervorrief.

Im Laufe der Jahrhunderte waren Bedeutung und Rolle der Burg Spielberg grundlegenden Wandlungen unterworfen. Aus der wichtigen Königsburg und dem Sitz der mährischen Markgrafen wurde allmählich eine mächtige barocke Festung, dann das am meisten gefürchtete Gefängnis der österreichischen Monarchie, nämlich der berüchtigte „Kerker der Völker“ und schließlich Militärkaserne. Heute beherbergt sie das Museum der Stadt Brünn und ist zu einem bedeutenden Kulturzentrum geworden. 1962 erhielt sie den Status eines Nationalen Kulturdenkmals.

Die Burg wurde um die Mitte des 13. Jahrhunderts auf einem ziemlich niedrigen (290 m ü.d.M.), jedoch relativ steil ansteigenden Felshügel gegründet, der sich unmittelbar über dem historischen Zentrum der Stadt (220 m ü.d.M.) erhebt. Durch ihren Erbauer, den böhmischen König Přemysl Ottokar II, ist sie nicht nur als ein festes Bollwerk der königlichen Macht, sondern auch als ein würdiger Sitz der Herrscher von Mähren großzügig konzipiert worden. Die ältesten schriftlichen Quellen über die Existenz der Burg stammen aus den Jahren 1277 bis 1279, in denen nacheinander die Burgkapellen erwähnt werden, sowie aus dem Januar 1278 als in den Burgräumen der Landtag stattfand. Sie bezeugen zudem, daß der Name des Hügels bald auch auf die Burg übertragen wurde.

Die böhmischen Herrscher besuchten jedoch nur gelegentlich die Burg Spielberg. Dies gilt auch für den jungen mährischen Markgrafen, den späteren böhmischen König Karl IV., dessen erste Gattin Blanche von Valois nach ihrem 1337 erzwungenen Weggang aus Prag hier verweilen mußte.

Zu einem wirklichen Sitz der mährischen Markgrafen wurde die Burg Spielberg erst seit Mitte des 14. Jahrhunderts während der Herrschaft von Johann Heinrich (1350-1375) und seines Sohnes Jodokus (Jošt) (1375-1411). Diese nur sechs Jahrzehnte andauernde Periode der autonomen Regierung der „mährischen Luxemburger“, des Bruders und des Neffen Karls IV., bildet ohne Zweifel das bedeutendste und prächtigste, aber leider nur wenig bekannte Kapitel in der Geschichte der Brünner Burg. Aber schon nach Jodokus’ Tod, während der Regierung des letzten Luxemburgers, des ungarischen, römischen und später auch böhmischen Königs Sigismund und während der Regierung seines Schwiegersohnes Albrecht von Österreich, dem Sigismund 1423 zusammen mit der Herrschaft über Mähren auch die Burg Spielberg überläßt, verliert die Burg für immer ihre Funktion als Residenz und ihre militärische Bedeutung tritt in den Vordergrund. Diese militärische Bedeutung zeigte sich nicht nur während der Hussitenkriege, sondern vor allem während der Kämpfe zwischen dem böhmischen König Georg von Poděbrady und dem ungarischen König Matthias Corvinus. Auf dem Spielberg residierte in der Funktion des Landeshauptmanns Georgs Sohn Viktorin von Poděbrady, der in den Quellen als „Hauptmann auf dem Špilmberk“ erscheint. Nach mehrmonatiger Belagerung gelang es Matthias Corvinus 1469 jedoch, unterstützt durch die Stadt Brünn, die erschöpfte böhmische Besatzung der Burg Spielberg zur Aufgabe unter ehrenhaften Bedingungen zu bewegen und somit nicht nur diesen wichtigen strategischen Punkt, sondern in der Folge auch die Herrschaft in Mähren zu gewinnen.

Seit Ende des 15. Jahrhunderts begann die Burg ihre vormalige Bedeutung zu verlieren. Ihr allseitiger Niedergang und langsamer Verfall nahmen ihren Lauf. Als eine der führenden Königsburgen Mährens wurde sie wiederholt verpfändet und ihre jeweiligen Besitzer achteten nicht sonderlich auf ihre Instandsetzung. Die mährischen Landstände waren sich jedoch der Bedeutung der Burg für das ganze Land sowie für seine Hauptstadt bewußt, als sie 1543 festhielten, daß „durch den Verlust dieser Burg dem Königreich Böhmen und dem Land Mähren viel Böses zugefügt, und die Stadt Brünn Schaden nehmen würde“. Um einem geplanten Verkauf in fremde Hände zu verhindern, kauften sie 1560 die Burg Spielberg („den markgräflichen Stuhl“) mit der ganzen Herrschaft selbst auf, veräußerten aber bald die eigentliche Burg an die Stadt Brünn. Sie blieb nun sechzig Jahre im Eigentum der Stadt. Nach der Niederlage der Stände im Ständeaufstand von 1620 auf dem Weißen Berg konfiszierte sie Kaiser Ferdinand II. und überführte sie wieder in das landesherrliche Eigentum.

Während des Dreißigjährigen Krieges verfiel die Burg zunehmend und die geringe militärische Präsenz von etwa 40 Mann ließ nicht vermuten, daß die Burg jemals noch eine bedeutende militärische Rolle spielen könnte. Dies änderte sich mit der partiellen militärischen Besetzung Mährens durch die schwedische Armee und der unmittelbaren Bedrohung der mährischen Metropole in den Jahren 1643 und 1645.

Die Befestigung der Burg und der Stadt wurde schnellstens repariert und modernisiert. Als dann 1645 Brünn mit der Burg Spielberg unter dem Kommando des Obersten Raduit de Souches drei Monate der Belagerung durch die vielfache schwedische Übermacht standhielt, war dies ein neuer Beweis für die strategische Bedeutung dieser Burg. Bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts wurde sie in die mächtigste und bedeutendste barocke Festung Mährens ausgebaut. Die komplexe Festungsanlage, die aus einer Zitadelle mit einem Ring der Festungswerke um die Stadt bestand, wurde 1742 auch für den preußischen König Friedrich II. zu einem unüberwindbaren Hindernis. Die Oberbefehlshaber der Burg Spielberg hatten auch den Rang von kommandierenden Generälen in Mähren inne.

Zur Spielberger Festung gehörte auch das Festungsgefängnis. Schon kurz nach der Niederlage des Ständeaufstandes 1620 wurden auf der Burg Spielberg einige Jahre lang auch die führenden mährischen Mitglieder der Rebellion gegen die Habsburger gefangengehalten. Seit dem letzten Viertel des 17. bis in die achtziger Jahre des 18. Jahrhunderts wurden hier außer ein paar Dutzend „gewöhnlicher“ Sträflinge auch einige hochgestellte Militärpersönlichkeiten wie die wichtigen österreichischen Heerführer, die Generäle Bonneval und Wallis, oder der hier 1749 auch verstorbene berühmte Bandurenoberst Franz Trenck in Haft.

1783 beschloß Kaiser Josef II. das Festungsgefängnis auf der Burg Spielberg in ein ziviles, für Schwerverbrecher bestimmtes Gefängnis umzuwandeln. Für diese Zwecke richtete man vor allem den bis dahin wenig genutzten Teil des örtlichen Befestigungssystems, nämlich die Kasematten, her. In den Gemeinschaftszellen konnte man mehr als 200 Sträflinge unterbringen, die meist schwere Arbeit an den Festungswerken oder auch außerhalb verrichteten. Seit der Mitte der neunziger Jahre des 18. Jahrhunderts sind jedoch in den oberirdischen Teilen der Spielberger Festung auch Gefangene bezeugt, die man als politische Gefangene bezeichnen könnte. Außer einigen bedeutenden französischen Revolutionären, die während der Koalitionskriege mit Frankreich gefangen genommen worden waren (der bekannteste war der ehemalige Postmeister Jean B. Drouet), ist vor allem die fünfzehnköpfige von dem Schriftsteller Ferenc Kazinczy angeführte Gruppe der sog. ungarischen Jakobiner zu erwähnen. Ein Viertel Jahrhundert später (seit 1822) füllten sich die im Nordflügel der ehemaligen Festung errichteten Zellen für „Staatsgefangene“ mit italienischen Patrioten, die für die Einigung, Freiheit und Unabhängigkeit ihres Landes eintraten. Der Dichter Silvio Pellico, der hier unfreiwillig acht Jahre verbrachte, machte mit seinem Buch „Meine Gefängnisse“ das Spielberger Gefängnis in ganz Europa berühmt.

In der Folgezeit hörte Spielberg nicht zuletzt auf Grund der kaiserlichen Entscheidung sie in ein ziviles Gefängnis zu verwandeln, auf, die Rolle einer bedeutenden Militärfestung zu spielen. Diese Veränderung verdankt sie vor allem der französischen Armee des Kaisers Napoleon, die bei ihrem Rückzug aus dem besetzten Brünn im Herbst 1809 einige wichtige Teile der Befestigungsanlagen am Spielberg zerstörte. Die letzte Gruppe politischer Gefangenen stellten die fast 20ü polnische Revolutionäre, vor allem die Teilnehmer des Krakauer Aufstandes von 1846. Kaiser Franz Josef I. löste 1855 das Spielberger Gefängnis auf und drei Jahre später nach der Freilassung der letzten Insassen baute man seine Räumlichkeiten in Militärkasernen um, diese Zweckbestimmung blieb dann für die nächsten hundert Jahre erhalten.

Noch zweimal trat die Burg Spielberg als Ort des Leidens und der Unfreiheit in das breitere Bewußtsein der Bevölkerung: Zuerst während des Ersten Weltkrieges, als hier außer straffälligen Soldaten auch zivile Gegner des österreichischen Regimes einsaßen, dann wesentlich nachdrücklicher im ersten Jahr der nationalsozialistischen Okkupation der Tschechoslowakei. Einige Tausend tschechischer Patrioten mußten in den Spielberger Mauern leiden, manche fanden hier auch den Tod. Für die meisten war die Burg Spielberg jedoch nur eine Zwischenstation auf dem Weg in deutsche Gefängnisse oder Konzentrationslager. Die deutsche Wehrmacht führte 1939-1941 auf dem Spielberg umfangreiche Veränderungen durch, um hier eine Musterkaserne im romantisch-historisierenden Geiste der großdeutschen Ideologie zu schaffen.

1959 gibt die tschechoslowakische Armee den Spielberg als Standort auf und beendet damit definitiv die militärische Ära auf dem Hügel. Im nachfolgendem Jahr wird Spielberg zu Sitz des Museum der Stadt Brünn.

Die sich ändernden Nutzungen der Burg Spielberg beeinflußten auch ihre bauliche Entwicklung. Hierbei sind einige markante Etappen festzustellen. Von der ursprünglichen gotischen Burg des 13.-15. Jahrhunderts hat sieh außer der Grunddisposition eigentlich nur im Ostflügel ein kleiner Teil bewahrt. Am besten erhalten sind samt der Durchfahrt mit den Sedilien einige Räume im Erdgeschoß, die fast den authentischen Zustand zeigen. In zwei Räumen sind noch die ursprünglichen Rippengewölbe vorhanden. Bemerkenswert ist auch das kleine zweistöckige Portal, das ehedem von einem Laufgang in den Raum der königlichen Kapelle führte. Das heutige, deutlich „gotische“ Aussehen des ganzen Ostflügels wird jedoch durch die wohl problematische und kontroverse Rekonstruktion bestimmt, die nach umfangreichen baugeschichtlichen Untersuchungen einem Entwurf von Zdeněk Chudárek folgend 1995-2000 durchgeführt wurde. Durch die erhebliche Aufstockung des ganzen Flügels samt der mächtigen Dachkonstruktion ist auch die bisherige Silhouette des Brünner Wahrzeichens verändert. Im Erdgeschoß des Westflügels kam bei der archäologischen Untersuchung ein Teil der Fundamente eines mächtigen zylindrischen Turms zum Vorschein, den der Besucher im Rahmen der Ausstellung zur baulichen Entwicklung der Burg auch besichtigen kann.

An den barocken Festungsumbau, den nacheinander führende Militäringenieure N. Peroni, L. Rochet und P. Rochepin sowie der Brünner Baumeister M. Grimm durchführten, erinnert heute vor allem das größtenteils erhaltene innere Fortifikationssystem: die Wälle mit Bastionen und Kurtinen, gemauerte Gräben mit eingebauten Kasematten von 1742, ferner eingeschossige Kasernen und weitere Gebäude, die um die Mitte des 18. Jahrhunderts entlang des gesamten Burggrabens bis hin zur äußeren Mauer der mittelalterlichen Burg errichtet wurden. Bestandteil der Befestigungsanlage ist auch der Brunnen im westlichen Teil des Hofes, der 1714-1717 von ursprünglich 40 m Tiefe auf 114 m vertieft wurde, und die benachbarte Zisterne.

Die Mehrheit der heutigen Gebäude – der Süd-, West- und Nordflügel sowie der mittlere Trakt, der den ehemaligen Burghof in zwei Hälften teilte, entstand erst mit dem ausgedehnten Umbau der Festung bei ihrer Umwandlung in ein Gefängnis in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts. Diese radikale Instandsetzung beseitigte leider mit Ausnahme des Ostflügels praktisch alles, was noch von der mittelalterlichen Burg und ihren späteren Anbauten übrig geblieben war. Die Burg Spielberg erhielt damit faktisch ihr heutiges Aussehen, denn es wurde noch nicht einmal durch die relativ großen Umbauten der deutschen Wehrmacht wesentlich verändert. Außer kleineren Anbauten und Ergänzungen dienten deren Baumaßnahmen lediglich dazu, der Burg eine in gewisser Weise einheitliche architektonische Gestalt zu geben, und kamen deutlicher in den Interieurs (z.B. Treppenhaus) oder historisierenden Details zum Tragen. Erst die letzte, vornehmlich den Ostflügel betreffende Rekonstruktion von 1995-2000 bedeutet einen grundlegenden Eingriff in den Gesamteindruck, der sehr gut aus einer ganzen Reihe graphischer Darstellungen, Bilder und älterer Fotografien überliefert ist.

An der Schwelle vom zweiten zum dritten Jahrtausend endet die entscheidende bauliche Instandsetzung der eigentlichen Burg. Gleichzeitig feiert das Museum der Stadt Brünn das 40 jährige Jubiläum seines Wirkens in der Burg Spielberg, in neugestalteten ständigen Expositionen und in Wechselausstellungen präsentiert es der Öffentlichkeit das in seinen Museumssammlungen bewahrte historische und kulturelle Erbe der Stadt. In den Sommermonaten werden der Burghof und weitere Räumlichkeiten durch zahlreiche kulturelle Veranstaltungen, Konzerte, Theateraufführungen, historische Darbietungen und sportliche Wettbewerbe belebt. Die Ausstellungen des Museums werďen. Einschließlich der Kasematten jährlich von mehr als hunderttausend Besucher besichtigt. Von der Umgangsplattform des Eckturmes hat man einen einmaligen Blick auf die Stadt Brünn und ihre Umgebung. Dies macht das bedeutendste historische Denkmal Brünns zu einem lebendigen und touristisch attraktiven Kulturzentrum der Stadt.